Was würden Sie eigentlich sagen, sind die schlimmsten Niederlagen in der Geschichte der Menschheit? Man könnte wahrlich einen ganzen Abend darüber trefflich streiten. Man wird bestimmt Geschichten von Cannae hören, einer Schlacht, die Rom erzittern ließ und bis ins Mark erschütterte. Sehr wahrscheinlich wird von der Schlacht bei Issos die Rede sein ("Drei, drei, drei - bei Issos Keilerei"), als Alexander die Perser schlug. Vielleicht kommt man auch auf die Schlacht von Azincourt, in der Heinrich der Fünfte ein mehrfach überlegenes Festlandheer völlig überraschend und entscheidend schlug. Über viele, viele schreckliche kriegerische Beispiele könnte man reden.
Aber, wenn wir jetzt mal weg von den Kriegsschauplätzen in die jüngere Vergangenheit schauen, fällt mir vor allem die schreckliche Niederlage Angela Merkels ein, deren schwarzgelbe Koalition mit ihrem "neuen" Energiekonzept die Atomlaufzeiten verlängern wollte. Sie tönte noch Anfang des Jahres , dies käme einer Revolution gleich, es sei das effizienteste und umweltverträglichste weltweit und alle Sorgen würden ernstgenommen.
Selbst nach dem Horror-Unfall von Fukushima war sie immer noch Stur in ihrem Festhalten an einer Technologie, deren Zeit hoffnungslos abgelaufen ist. Erst der mediale Druck, die schallende Ohrfeige der öffentlichen Meinung zwang die Regierung in Hinblick auf die nächsten Wahlen in die Knie. Und eine Regierung, die schon so oft gelogen hat, macht Munter weiter und verkauft dies gemeinhin als Gesinnungswandel durch die Bewusstwerdung der schrecklichen Ereignisse. Saulus wurde ja zum Paulus als ihm ein Engel erschien. Welch Parallele. Bei Angela Merkel erschien wohl das Allensbach-Institut.
Die nachhaltigen Probleme in Fukushima und der öffentliche Druck haben es ermöglicht, in einem dichten parteiübergreifenden Konsens verkrustete Denkmuster aufzubrechen und ein neues Gesetz zum Atomausstieg zu verabschieden, dass Deutschland bis zum Jahr 2022 von Atomkraftwerken befreit. Aber gut, was heißt verabschieden? Bundestag und Bundesrat haben bereits zugestimmt, aber wer macht jetzt auf Wichtig? Richtig, unser allerseits beliebter, sehr begabter und charismatischer Dritte-Wahl-Bilderbuch-Präsident Christian Wulff (dessen junge Frau mit ihrem Armtattoo für mehr Aufsehen sorgte als Wulff in seiner ganzen bisherigen Amtszeit; allerdings machte sie dies wieder wett, als sie bei der monegasischen Fürstenhochzeit angezogen war wie eine Achzigjährige.)
Christian Wulff nimmt sich nämlich als Staatsoberhäuptchen das Recht heraus, sich mit der Prüfung des Gesetzes Zeit zu lassen. Er schimpft auch und ist böse mit dem Eiltempo bei diesem komplizierten Thema. Das Thema sei sehr komlex und er brauche Zeit. Na, Christian, dann mach mal hin, dein Volk wartet fast geschlossen auf eine der ersten vernünftigen Taten deiner Amtszeit: Der Unterschrift unter dieses Gesetz.
Aber Herr Bundespräsident hat momentan ja soviel um die Ohren. Er warf gestern seine gesamte wirtschaftspolitische Kompetenz in die Waagschale (vermutlich einer Briefwaage) und prangerte die ach so bösen Ratingagenturen so leidenschaftlich an, wie es nur einer kann, der hofft, dass man ihm bitteschön zuhört. Christian meinte, er wäre "empört" und "erschüttert" über die Macht und die Fehlurteile der Ratingagenturen. Er würde gerne über Sanktionen gegen diese Firmen nachdenken. Dies erinnert mich doch sehr an den legendären antiken Brauch, dem Boten einer schlechten Nachricht den Kopf abzuschlagen.
Aber wissen Sie was? Dem Christian glaub ich das fast. Während mich bei Angela, Rainer, Philipp & Co eher der Gedanke beschleicht, ich und meine Mitbürger würden über den Tisch gezogen, habe ich bei dem sanften, sympathischen Wulff das Gefühl, er habe wirklich keine Ahnung, was er da spricht. Während die Rating-Agenturen endlich mal Mut zeigen und in Richtung Wirklichkeit tendieren, lebt Wulff souverän die Denke und Rede eines Naivlings vor, der verklemmt und spießig einen Job ausfüllt, den er nicht gewollt hat und dem er nicht gewachsen ist. Ach, wie schön wäre doch mal wieder ein Präsident von Format.
P.S. Gestern in Essen, bei seinem Besuch in NRW sollte der Präsident in einem Kinder- und Familienzentrum Familienarbeit im sozialen Brennpunkt kennenlernen. Während die ebenfalls anwesende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft leicht und mühelos mit den Kindern zurechtkam, wirkte Wulff - wie die Zeitung "Der Westen" schreibt - "an dieser Stelle zurückgenommen bis steif. Wie einer, der sich fehl am Platz fühlt.". Ich würde mal sagen, wie einer, der fehl am Platz ist.
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