Heute war es wieder soweit, Großdemo in Stuttgart. Da konnte man sie sehen, die Wutbürger. Na ja, so richtig wütend waren sie nicht, haben halt wieder ihre Transparente geschwenkt und ihre Meinung über Filz, Korruption und Politiker kund getan. Ich bin trotzdem beeindruckt von ihrem nicht nachlassenden Engagement gegen den Bau des sinnlosen Kopfbahnhofs an dem sich nur wieder ein paar Unternehmen dumm und dämlich verdienen werden. Wenn sie aber gegen deren Interessen ankommen wollen, dann werden Transparente schwenken und im Chor vorgetragene Parolen nicht reichen. Damit kommt man in einer westlichen Demokratie nicht mehr allzu weit, leider. Der Wille des Volkes zählt da nicht mehr.
Dass der Wille des Volkes nicht mehr zählt ist allerdings verständlich, denn wenn ein Volk klaglos hinnimmt, dass das Rentenalter heraufgesetzt wird, Lebensmittel vergiftet werden, Atomkraftwerkslaufzeiten verlängert und zugleich die Strompreise erhöht werden, verzocktes Geld mit seinem Erspartem gerettet wird, zulässt, dass Feindbilder in seinen eigenen Reihen aufgebaut werden, Lobbyisten die Regierung übernehmen, Menschen arbeiten und nicht von ihrem Lohn leben können, wenn es kurz gesagt mit Brot und Spielen ruhig zu stellen ist, warum sollte dann der Bau eines unnützen Bahnhofs nicht möglich sein.
Die Wut in den Bürgern ist noch nicht groß weil es Dirk Bach, Florian Silbereisen, Heidi Klum und Dieter Bohlen bislang gelingt von all diesen Missständen abzulenken. Sie ist noch nicht groß, weil es den meisten zu anstrengend ist über Probleme nachzudenken, weil es für sie richtiger ist Missstände von Politikern beheben zu lassen, wobei sie denen dies laut Umfragen eigenartigerweise gar nicht zutrauen.
Solange eine unsägliche Gleichgültigkeit in den Köpfen der Menschen vorherrscht, sie sich jeglicher Verantwortung entziehen, sie sich selbst ohnmächtig und schwach sehen, solange werden sie nichts anderes sein als eine große Masse die sich leicht von einer nicht mehr fassbaren, weltweit vernetzten Elite steuern lässt.
Wo bleibt die Empörung über die unhaltbaren Zustände in unserer Gesellschaft, einer Gesellschaft in der es so gut wie keine unabhängige Berichterstattung mehr gibt, einer Gesellschaft in der der Schwache, Alte und nicht Hochgebildete nur noch als Füllmaterial für die Schlaglöcher von Autobahnen dienen, Autobahnen auf denen nur Wenige irrsinnigem Reichtum entgegenrasen?
Wo bleibt die Empörung darüber, dass sich Regierungen nur um das Wohl der Hochfinanz und Industrie kümmern und das Wohl der Bürger keinerlei Beachtung findet?
Wo bleibt die Empörung darüber, dass zur Vermehrung des Reichtums Weniger die Umwelt, die eigentlich im Besitz aller sein sollte, ausgebeutet und zerstört wird?
Wo bleibt die Empörung darüber, dass von Bürgern erarbeitetes Staatseigentum an skrupellose Investoren verschachert wird?
Ich will nicht noch mehr Beispiele erwähnen die Empörung hervorrufen sollten, denn sonst gerate ich in Wut.
Nein, ich will nur wie Stéphane Hessel in seinem Pamphlet "Indignez-vous !" (Empört euch!) dazu aufrufen empört zu sein und diese Empörung offen zu zeigen.
Was Wut bewirkt kann man zur Zeit in Tunesien, Ägypten, Jemen und Jordanien beobachten.
Seien wir also empört, ansonsten werden wir uns in einer Demodiktatur, einem bisschen genehmigter Demonstration innerhalb einer Diktatur, wieder finden.
Und lassen sie uns hoffen, dass gemeinsame Empörung Grund genug für ein Umdenken der Verantwortlichen sein wird, denn sonst könnte die Empörung in Wut umschlagen was tunlichst zu vermeiden ist, denn zuviel Wut tut selten gut.
Quellen:
FAZ – Stéphane Hessel -Empört Euch
kopfbahnhof-21.despiegel.de - Geplanter Tiefbahnhof, nutzlos und teuer
Meine Meinung entspringt meinem Gehirn. Da ich mein Gehirn nicht verleihe, muss auch niemand meiner Meinung sein.
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