Lebenserwartung im Mittelalter

Als etwa zwölfjähriger Junge bekam ich ein Buch mit dem Titel "Am Ende unserer Zukunft?" von Rüdiger Proske geschenkt. Dieses Buch hat mich außerordentlich interessiert und nachdenklich gemacht. Es hat mich sehr beeinflusst und ich habe es regelrecht verschlungen. Es handelte von moderner Zukunftsforschung und was von der Menschheit noch zu erwarten sei. Alles in allem ein sehr kulturpessimistisches Buch.

Das Buch hat mich als sehr jungen Menschen etwas bedrückt, doch nach und nach habe ich - zu meiner Beruhigung - festgestellt, dass eine Vielzahl der Thesen dieses Buches nicht haltbar sind oder sich mittlerweile als falsch erwiesen haben. An anderer Stelle möchte ich hier in DORFLING noch genauer auf dieses Buch und die Schwierigkeiten der Zukunftsforschung eingehen, doch jetzt möchte ich lediglich ein bestimmtes Thema herausgreifen: Die sich ändernde Lebenserwartung der Menschen.

 

Entwicklungsphasen der Menschheitsgeschichte

In dem umfangreichen Buch wurde der Lebenserwartung in den verschiedenen Entwicklungsphasen der Menschheitsgeschichte einige Seiten gewidmet und sehr schön bebildert. Und ich konnte damals wie heute kaum glauben, was ich da zu sehen bekam. Da war tatsächlich zu erfahren, dass die Lebenserwartung während des Altertums gerade mal 18 Jahre betrug und selbst im Mittelalter auf lediglich 20 Jahre stieg. Im 17. und 18 Jahrhundert erhöhte sich ein Durchschnittsleben dann immerhin von 25 auf 30 Jahre. Um 1850 herum lag es bei etwa 40 Jahren. Selbst am Ende des II.Weltkrieges betrug die Lebenserwartung nur etwa 55 Jahre. Erst in der Nachkriegszeit erhöhte sich diese dann sukzessive auf den heutigen Wert von etwa 80 Jahren.

Warum gab es dann immer wieder alte Persönlichkeiten?

Dies klang zunächst einmal plausibel. Man denke dabei nur an den vermeintlichen Fortschritt in der Hygiene, an die besser werdenden Arbeitsbedingungen und nicht zuletzt die medizinische Entwicklung. Also würde man meinen, dass z.B. um 1800 die ältesten Menschen so im Schnitt um die 35 Jahre alt waren, vielleicht mal einer 40 oder 45 Jahre, aber nur in Einzelfällen etwas älter. Doch seltsamerweise, je älter ich wurde und ich immer mehr über die Geschichte las, über historische Persönlichkeiten und das Leben in den historischen Epochen, um so mehr "Ausnahmen" erschlossen sich mir. Hier mal der 83jährige Goethe, da mal der 74jährige Friedrich der Große, der 83jährige Voltaire und so weiter und so fort. Das sind keine Einzelbeispiele. Eine wahre Fülle von Personen, so alt wie auch heute gewohnt.

Früher Tod?

Und wie unterstützend liest man immer wieder Sätze, wie "der überraschend frühe Tod von Wolfgang Amadé Mozart." Wieso denn eigentlich früh, der Mann starb mit 35 Jahren, er lebte fünf Jahre länger als "erwartet". Ein alter Sack möchte man meinen. (Immerhin haben ihm unsere österreichischen Nachbarn eine Euromünze gewidmet, Warum weiß ich übrigens nicht. Er hatte mit Österreich ja von Geburt her nichts zu tun, außer das Salzburg heute zu Österreich gehört.) Wie kommt es dann zu den anderen Beispielen, hatten die bekannten Leute, die "Persönlichkeiten" denn sonst soviel bessere Lebensbedingungen, oder bessere Gene? Aber nicht nur das, es gibt genügend überliefertes historisches Material, welches immer wieder zuverlässig auch auf achtzigjährige, neunzigjährige, ja gar hundertjährige Greise in der Landbevölkerung hinweist.

Milchmädchenrechnung  

Die Einschätzungen meines Buches stimmen natürlich im wesentlichen immer noch mit aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen überein, dennoch verstellen sie in gewisser Hinsicht den Blick auf die tatsächlich empfundene Lebenserwartung, sozusagen die "gefühlte" Lebenserwartung. Der Haken an der Sache ist wieder einmal die Statistik selbst. Wenn Sie zum Beispiel eine Schulklasse haben mit, sagen wir mal, 30 Kindern und alle bis auf einen Schüler sind 15 Jahre alt, lediglich ein Schüler ist, dank "Ehrenrunden" bereits 17 Jahre, dann läge der Altersdurchschnitt der Klasse bei 15,1 Jahren. Arithmetisch ist das vollkommen richtig, aber es bedeutet, dass 29 der 30, also gar 97 Prozent der Schüler unter dem Durchschnitt liegen. Sehr bizarr. So ähnlich gelagert verhält sich das mit der Lebenserwartung. In die Berechnungen dieses Durchschnitts fließen ja auch alle nicht "natürlichen" Ereignisse mit ein, etwa Naturkatastrophen, Epidemien und Kriege. Viele Menschen, deren Leben vor Erreichen der natürlichen Altersgrenze beendet wurde.

Der wesentlichste Aspekt

Diese Faktoren beeinflussen den Altersdurchschnitt sehr stark. Denn wenn die Bevölkerung unter den "normalen" Rahmenbedingungen durchaus regelmäßig fünfzig bis sechzig werden konnte, dann ziehen gerade sehr junge Menschen, die etwa als Soldaten im Krieg verheizt werden, den Schnitt ruckartig nach unten. Der entscheidendste Aspekt ist jedoch die hohe Kindersterblichkeit in früheren Epochen. Stellen Sie sich nur einmal vor, im Mittelalter wurde die Hälfte der Kinder nicht einmal 14 Jahre alt. Selbst noch 1870 starben etwa in Deutschland 25% aller Kinder.

Konsequentes Stillen

Die häufigste Todesursache war laut Deutschem Ärzteblatt dabei  Durchfall, der zumeist Kinder befiel, die nicht gestillt wurden. Um 1930 waren es immer noch 10%, aber durch konsequentes Stillen sowie beratende, soziale und hygienische Maßnahmen und den medizinischen Fortschritt gelang es, die Kindersterblichkeit 1970 auf 2,5 Prozent zu senken und schließlich bis heute in Deutschland auf etwa 0,4 Prozent einzudämmen. Die Auswirkung hoher Kindersterblichkeit auf die Statistik ist ungeheuer. Wiederum ein Beispiel: Wenn auf fünf Menschen, die siebzig Jahre alt werden nur der Fall eines Kindes kommt, das mit einem Jahr stirbt, beträgt die statistische Lebenserwartung bereits nur noch 58,5 Jahre, obwohl ja "normalerweise" alle 70 Jahre werden. Das bedeutet nunmehr konkret, würden wir eine hypothetische Zeitreise in das Mittelalter antreten, dann träfen wir dort eben nicht nur auf Menschen, die im Mittel etwa zwanzig Jahre alt wären, sondern im Gegenteil, die Menschen, die ihre Kindheit überstanden hätten, konnten regelmäßig ebenso vierzig oder fünfzig werden. 

Verzerrende Statistik

Wenn wir die Zahlen verschiedener Jahrhunderte miteinander in Relation setzen müssen wir uns eben immer die Rahmenbedingungen klar vor Augen führen. Ich möchte nur jetzt gleich Missverständnisse vermeiden: Die Statistik selbst ist ja an sich nicht falsch, die Schwierigkeit liegt wieder einmal in der Interpretation derselben. Gerade letzte Woche war wieder einmal von einer Studie zu vernehmen, sehr hohe Bildungsschichten hätten eine längere Lebenserwartung als etwa Nicht-Akademiker. Ich frage mich, schon wie man eigentlich dann Menschen zuordnet, die, sagen wir, nur bis 22 Jahre alt werden. Sie können noch keine Akademiker sein. Hieße im Umkehrschluss: Bei Akademikern gibt es es weder Kindersterblichkeit, noch junge Menschen, die an Unfällen sterben können. Sie verstehen? Selbst wenn alle Hochschulabsolventen im ersten Berufsjahr sterben sollten, sänke die Lebenserwartung selbst im ungünstigsten Falle post mortem nimmermehr unter Ende zwanzig.

Phänomen der Berufsgruppen

Ein bekanntes Beispiel irreführender Statistik ist die Beziehung zwischen verschiedenen Berufsgruppen. So liegt die Lebenserwartung von Kardinälen hier signifikant höher als z.B. diejenige von Automechanikern. Sie erraten es? Klar, es gibt in der Realität kaum einen Kardinal der vor seinem sechzigsten Lebensjahr seiner Berufung folgt.

Erlauben Sie mir zum Ende noch eine kleine Randnotiz. Ebensowenig, wie Sie aus dem Lebensalter von Johannes Heesters auf die durchschnittliche Lebenserwartung anderer Menschen schließen können, sollten Sie dieses aus den rekordverdächtigen Hochland-Greisen Tibets tun. Wie uns ja allen bekannt ist, lebt gerade dort eine der vermeintlich durchschnittsältesten Gesellschaften der Erde. Aber überraschender Weise ist das Gegenteil der Fall: Zwar sind auf dem "Dach der Welt" offenbar die Rahmenbedingungen enorm günstig im Einzelfall ein sehr hohes Alter jenseits der Hundert zu erreichen, die durchschnittliche Lebenserwartung der Bevölkerung aber ist sogar sehr deutlich unter dem eines westeuropäischen Niveaus.

Religiöser  Ansatz

Ein wenig schwer einzuordnen sind in diesem Zusammenhang die Lebensalter, die in der Bibel angegeben werden. Denn man darf aus wissenschaftlicher Sicht davon ausgehen, das während der gesamten Frühzeit der Menschheitsgeschichte bis in die Antike hinein die durchschnittliche Lebenszeit ziemlich stabil war und sich über Jahrtausende nicht grundlegend änderte. Um so erstaunlicher, dass das "Buch der Bücher" etwa im ersten Buch Mose angibt: "Die gesamte Lebenszeit Adams betrug 930 Jahre, dann starb er.", oder "Nach der Geburt Lamechs lebte Metuschelach noch 782 Jahre und zeugte Söhne und Töchter. Die gesamte Lebenszeit Metuschelachs betrug 969 Jahre, dann starb er." Diese Liste ist - wie Sie wissen - lange fortfürbar. Jetzt wissen Sie auch, warum man redewendet: "Er ist alt wie Methusalem". Nun gut, die Erwähnung der Bibelzitate ist in diesem Zusammenhang natürlich ironisch gemeint. Wie ich an anderer Stelle einmal erläutern werde, sind die Lebensspannen der Urkönige in babylonischen Verzeichnissen sogar noch höher, aber - ich bin mir wirklich sehr, sehr sicher - sie sind nur als rein symbolische Zahlenwerte zu verstehen.


Kommentare   

 
+1 # Corcy 2015-01-11 06:11
Danke für den Artikel, mir geisterte gerade die Frage nach der Lebenserwartung durch den Kopf und auch der allgemein bekannte Fakt dass Leute im Mittelalter nur 30 Jahre wurden.
Da ich selbst nun 34 bin, nie operiert wurde, normal esse, etc zweifele ich sehr stark daran, dass mein Leben unter gleichen Bedingungen jetzt bereits vorbei wäre, befänden wir uns im Mittelalter auf dem Land oder einer Insel die von Pest, Krieg etc verschont bleibt. Deine Erklärung klingt sehr einleuchtend.

Zu den langen Lebensjahren in der Bibel. Ich habe mal gelesen dass in den alten indischen Sanskrit Schriften auch von Menschen die Rede ist, die mehrere hundert Jahre lebten. Die gleichen Schriften verblüffen heutige Wissenschaftler mit ihren genauen Berechnungen in der Astronomie. Dass die gleichen Schriften es dann vermasseln Lebensjahre richtig zu zählen erscheint mir auch unglaubwürdig weshalb man doch nochmal Fragen sollte, was dahintersteckt.
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0 # Johannes renner 2016-01-16 15:58
Hallo Herr Baier,
mit Interesse und auch mit einem Schmunzeln (ich hatte am Abschluss meines Studiums u. a. das Thema "Lebenserwartung im Mittelalter" als Prüfungsthema) habe ich Ihren Artikel gelesen. Gestatten Sie mir eine Kritik zu den Abschnitten "Milchmädchenrechnu ng" und "Verzerrende Statistik": Aus meiner Sicht formulieren Sie zu komplex. Wie Sie zurecht bemerken, ist "Der entscheidendste Aspekt (...) jedoch die hohe Kindersterblichkeit in früheren Epochen". Die heutige Definition von Lebenserwartung macht einfach "null, nada, niente" Sinn für längst vergangene Zeiten.
Die für Interessierte relevante Fragestellung ist doch "wie alt wurden Erwachsene?" oder "wie alt wurden Alte?". Und da passen die statistischen Ansätze einfach nicht bzw. sind nicht ausreichend definiert. Ansonsten noch folgender Hinweis: Für viele bekannte ägyptische, griechische und römische Persönlichkeiten ist das Erreichen eines hohen Alters historisch belegt und in Zeiten relativen Wohlstandes (keine Mangelernährung) dürfte die Lebenserwartung eines Menschen, der erst einmal das Erwachsenenalter erreicht hat, wesentlich höher gewesen sein, als die Angaben, die lt. Forschung veröffentlicht werden.

Mit freundlichen Grüßen

Johannes Renner
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